EU-Schuldenschock: Austritt Deutschlands aus der Eurozone immer wahrscheinlicher

Der Unmut der europäischen Wählerschaft gegenüber Deutschland und der  Europäischen Union wächst zusehends, während die Deutschen gerade feststellen,  dass ihr hart erarbeitetes Geld zum Fenster rausgeworfen wird. Sollte die  politische Führung Deutschlands mit ihrem Versuch scheitern, in den  PIIGS-Ländern die gewünschten Austeritätsmaßnahmen mithilfe nichtgewählter  Marionetten umzusetzen, wäre es durchaus denkbar, dass Deutschland die Eurozone  verlässt

John Browne, Europac.net, 01.05.2012

In den letzten paar Jahren, wo Europa immer stärker in der Schuldenkrise  versank, machten sich die meisten Ökonomen vornehmlich darüber Sorgen, dass die  sogenannten „Oliven-Länder“ (Portugal, Griechenland, Spanien, aber auch  Irland – also die sogenannten PIIGS-Länder) die Eurozone verlassen oder aus ihr  herausgedrängt werden könnten. Die Möglichkeit, dass sich Deutschland dazu  entschließen könnte, die Eurozone zu verlassen, ist hingegen etwas, worüber weit  weniger nachgedacht wurde.

Und während kaum Zweifel daran bestehen, dass der Euro auch ohne die Griechen  oder die Spanier überleben würde, bestehen bedeutend größere Zweifel, ob der  Euro auch ohne die massive Rückendeckung der Deutschen überlebensfähig ist. Da  der Euro die zweitgrößte Reservewährung der Welt ist, würde der Kollaps der  europäischen Einheitswährung zu einer massiven internationalen Währungskrise  führen.

Es ist eines der Themen, das im Dickicht der Geschichte verloren ging, aber  die Deutschen waren in den Jahren der Einführung der Einheitswährung nicht  gerade besonders enthusiastisch, was den Euro anbelangt. Ich würde sogar  behaupten, dass die Deutschen dazu gezwungen wurden, den Euro zu akzeptieren, um  so die Unterstützung der Franzosen für die Wiedervereinigung Deutschlands zu  erlangen.

Während die Deutschen ihrer geliebten D-Mark auf Wiedersehen sagten,  versuchten sie, den neuen Euro zu einem würdigen Nachfolger zu machen, und  beharrten daher von Anfang an darauf, dass die Europäische Zentralbank eine  solide Geldpolitik verfolgt.

In jüngerer Zeit, als die überschuldeten PIIGS-Länder kurz vor der  Zahlungsunfähigkeit standen, sah die politische Elite Deutschlands jedoch die  Möglichkeit für sich, ihre politische Macht mithilfe von finanzieller „Rettungs“-Operation auszuweiten. Sollte dieser Versuch scheitern – und  meines Erachtens wird er das auch – könnten sich die Deutschen dazu  entschließen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Und es ist ja nun auch keine Überraschung, dass Austerität politischen  Widerwillen hervorruft. Das gilt erst recht, wenn einem die Austeritätsmaßnahmen  von ausländischen Mächten auferlegt werden. Die Wähler haben ihre Wut ja bereits  dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie extremen, nicht dem Establishment  angehörenden Parteien – wozu auch ultranationalistische und in einigen Fällen  auch kommunistische Parteien zählen – zum Aufstieg verhalfen.

Die Europäer reagieren im Hinblick auf Deutschland und die Europäischen Union  zunehmend gereizter. Die Regierungen in Griechenland, Italien und Spanien wurden  von ihrer Wählerschaft bereits bedroht. Nicht minder bemerkenswert ist die  Tatsache, dass in den Niederlanden eine pro-deutsche Regierung den Wahlen zum  Opfer fiel und der französische Präsident Sarkozy im Rennen um die Wiederwahl  hinten liegt – und zwar vornehmlich aufgrund seiner Unterstützung der deutschen Politik.

Meines Erachtens waren die politischen Führer in Deutschland einfach nur  naiv, allen Ernstes zu glauben, ihr Versuch, den eigensinnigen und  unberechenbaren Kreditnehmern harsche Austeritätsbedingungen aufzuzwingen, würde  von den Wählern vor Ort akzeptiert werden.

Zu diesen Bedingungen gehörte auch die Auswahl neuer nichtgewählter  politischer Führer in Griechenland und Italien, die von den Deutschen und der  sogenannten „Troika“ (Europäische Zentralbank, Europäische Union und  Internationaler Währungsfonds) „abgenickt“ wurden. Diese Führer haben  den Ländern Austerität auferlegt, während Deutschland im Gegenzug die  entscheidende Rolle bei den Rettungspaketen übernommen hat.

Jetzt, wo das deutsche Volk mit ansehen muss, wie seine hart erarbeiteten  Gelder für Leute aus dem Fenster geworfen werden, die sich weigern, den Gürtel  enger zu schnallen, wächst in Deutschland Widerstand.

Bis vor wenigen Wochen schien es noch so zu sein, dass ein Zusammenbruch der  Eurozone durch den Ausschluss eines oder mehrerer PIIGS-Länder eingeleitet  würde. Jetzt sieht es jedoch so aus, als würde die dramatische Möglichkeit eines  deutschen Austritts aus der Eurozone zunehmend in den Fokus rücken. Vergangene  Woche traten aus heiterem Himmel zwei EZB-Mitglieder zurück, was bei den  weltweiten Beobachtern Irritationen hervorrief.

Angesichts der Panik, die durch einen rasch einbrechenden Euro vom Zaum  gerissen würde, ist es durchaus denkbar, dass der Euro gegenwärtig hinter den  Kulissen mithilfe konzertierter Zentralbankmaßnahmen und Währungs-Swaps gestützt  wird. Das würde nach meinem Dafürhalten auch die relative Stärke des Euros von  rund USD 1,30 erklären. Sollten derart koordinierte Maßnahmen tatsächlich  stattfinden, ist es schwer vorherzusagen, wie lange sie anhalten und wie  effektiv sie letztlich sein werden.

Die politischen Führer dieser Welt hatten den Euro als wirtschaftliches (und  somit politisches) Bindemittel für ihren Vormarsch in Richtung eines  paneuropäischen Staates eingeführt – aber ohne irgendwelche wirklich  demokratischen Beratungen oder Abstimmungsprozesse. Heute, nach 30 Jahren  fortwährender Zentralisierung, scheint es jedoch so zu sein, dass die  europäischen Wähler bezüglich dieser von oben aufoktroyierten Wirtschaftsvision  bereits mit den Hufen scharren. Das politische Problem liegt auf der Hand, und  die bestehende Gefahr bedroht die Zukunft des Euros, der Eurozone, ja sogar der  EU.

Die Zukunft des Euros scheint nicht mehr nur durch die Zahlungsunfähigkeit,  sondern in zunehmendem Maße auch durch die Rettungspolitik und die  Austeritätsmaßnahmen beeinflusst zu werden.

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