Stellen Sie sich vor, Sie „schulden“ Ihrem Vermieter 1,35 Euro. Nicht aus böser Absicht, sondern weil Sie Fragen zur Nebenkostenabrechnung haben. Und stellen Sie sich vor, während Sie auf diese Antworten warten, flattert Ihnen ein Brief ins Haus. Darin: eine Forderung über 95,85 Euro plus Prozess-Androhung!
In einer solchen Situation gibt es für Mieter zwei Möglichkeiten: zahlen oder sich wehren. Wolfgang Jung (77) aus Bad Godesberg hat sich für die zweite Variante entschieden: „Das einfach klaglos zu bezahlen habe ich nicht eingesehen.“
Im November hatte Jung für seine Wohnung in der Röntgenstraße (hier lebt er seit 1970) eine neue Nebenkostenberechnung bekommen. Von 196 ging’s auf 219 Euro. „Um die 20 Euro ging es mir gar nicht, ich wollte nur wissen, wie das zustande kommt“, erklärt Jung.
Er fragt bei seiner Vermietergesellschaft, der Deutschen Annington, nach. Doch statt Antworten bekommt Jung nur Mahnbescheide. Nach fast fünf Monaten sind die Fragen endlich geklärt, Jung zahlt. Die Mahngebühren behält der ehemalige Verwaltungsjurist ein: „Das war nicht mein Verschulden. Hätte ich Antwort bekommen, hätte ich gleich gezahlt.“ Unterm Strich sind nachher noch genau 1,35 Euro offen.
Briefe gehen hin und her. Am Ende fordert die Annington 95,85 Euro – mehr als 70-mal so viel wie der Ursprungsbetrag! Schuld: Mahn- und Inkassogebühren. „Das hat absolut Methode“, schimpft Mirco Theiner vom Mieterbund. „Die Annington macht den Mietern Angst, und die meisten zahlen dann.“
Wolfgang Jung (hat übrigens auch noch Ärger mit einem Riesen-Wasserschaden, der seit Februar nicht behoben ist) hätte es auf einen Prozess ankommen lassen. Doch auf EXPRESS-Anfrage die überraschende Antwort von Annington-Sprecherin Katja Weisker: „Der Einspruch von Herrn Jung ist nicht schnell genug bearbeitet worden, so dass Mahnungen verschickt wurden. Die entstandenen Gebühren werden wir zurücknehmen und uns bei Herrn Jung entschuldigen.“
