Die Grünen – Wovon die Grünen so überrascht sind, warum wir von ’68 immer nur eine Seite sehen, und wie Europa zum Labor des Dr. Cohn-Bendit wird

Die Grünen sind verwirrt. So kurz vor der Wahl haben sie eine Erfahrung machen müssen, die ihnen relativ neu scheint: Sie werden verantwortlich gemacht für das, was sie getan oder befürwortet haben. Von vielen werden sie sogar regelrecht verurteilt, und Wähler wenden sich in Scharen ab, die bei älteren Wahlen und Umfragen für die Ökopartei votiert hatten.
Stromumlage, Pädophiliedebatte, Fleischverbot – auf einmal nimmt man den Grünen wirklich etwas übel. Das war doch bislang noch nie so. Denken wir an den „Biosprit“ E10. Ganz Deutschland hat die Einführung gehasst, niemand schien aber auf die Idee zu kommen, die grünen Verursacher dafür haftbar zu machen. Oder die scheußlichen Windräder in der einstmals schönen Landschaft. Keiner will sie bei sich haben, doch den Grünen konnte das nichts anhaben.
Irgendwo müssen sie den Rubikon überschritten haben. War es der Vegetariertag? Als vermeintlich kesse Idee in die Runde geworfen, hat sich der „Veggie Day“ mittlerweile zum Trauma für Trittin und Co. entwickelt. Grüne Politiker stöhnen, wenn sie darauf angesprochen werden und beißen zurück, wie sie es immer tun: War doch nur gut gemeint!
Nein, irgendetwas stimmt nicht mehr. Die Grünen waren doch bislang immer die moralischen Ankläger, die Inhaber des Guten als Siegelbewahrer der Rebellion von 1968. 1968 ist der Gründungsmythos der neuen deutschen Linken, das Jahr, als sie uns aus der betongescheitelten Adenauer-Republik geholt haben, wie sie sich immer wieder gern erinnern.
Da die meisten Chronisten der 68er selber welche waren oder sich den Recken von damals innigst verbunden fühlen, schillert das Jahr heute in den lustig bunten Farben der Hippie-Bewegung. Schluss war mit dem piefigen, verklemmten Nachkriegsdeutschland, endlich frei und ehrlich.
Nur wenige mögen darüber reden, dass, den Grünen ganz ähnlich, 1968 neben dieser hellen auch eine dunkle Seite hatte. Das lässt man lieber aus, oder insistiert, dass auch die Irrtümer schließlich gut gemeint gewesen seien. So fraß sich ins grüne Bewusstsein die Überzeugung, dass das Böse immer nur woanders vorkam. Dass man selbst einmal auf der Anklagebank der Verantwortlichen landen könnte wie derzeit, war daher jenseits aller Vorstellungskraft.
Doch wo wir schon mal dabei sind, könnten wir uns ja auch mal den Gründungsmythos selbst ein wenig genauer ansehen. Was hatten die radikalen linken Studenten eigentlich wirklich geplant damals? Bloß mehr Freiheit, Reformen und so? Von wegen: Da sollte die Republik nicht reformiert werden, nein, der ganze Laden sollte weg! Revolution! Ziel: „Volksdemokratie“.
Und wie hätte die ausgesehen? Bundeskanzler Rudi Dutschke? Kaum: Theoretiker wie der legendäre Studentenführer wurden in ähnlichen weltgeschichtlichen Fällen schnell zur Seite geschoben, oft auch liquidiert. An die Spitze treten dann die „Männer der Tat“ wie Andreas Baader, flankiert von Technokraten wie die RAF-Anwälte Horst Mahler, (der sich gut als oberster Richter des Volksgerichts gemacht hätte) und Klaus Croissant (als Obervolksanwalt).
Croissant und Mahler wurden für offene Komplizenschaft mit der RAF verurteilt. Croissant war danach erst bei den Grünen und bei der Stasi und dann bis zu seinem Tode 2002 bei der PDS. Mahler ist in der Haft zum Nazi mutiert, wofür er heute wieder sitzt. Seine Stasi-Tätigkeit hat Croissant übrigens nie bereut, er fand das ganz normal. Also kann man sich vorstellen, was er, zu echter Macht im Staate gekommen, noch so alles ganz normal gefunden hätte. Wie sich Andreas Baader den Umgang mit Andersdenkenden vorstellte, hat er in der Praxis vorgeführt: abknallen.
Ja, das hätte auch herauskommen können, wenn sich die linken Studenten so durchgesetzt hätten, wie sie es erträumten. Wenn dann ihre dunkle Despotie später unter ihrer eigenen Verworfenheit und dem Zorn des Volkes zusammengebrochen wäre, hätte man wohl zugegeben, dass „Fehler gemacht“ worden seien. Aber insgesamt habe man doch das Ziel einer „humaneren Gesellschaft“ verfolgt, sprich: Es war doch gut gemeint!
Daher hat es unter Linken auch nie eine offene Debatte zum Thema 68 gegeben unter dem Motto: Was wäre eigentlich passiert, wenn wir damals wirklich gewonnen hätten? Das ist das Phänomen: Andere ziehen mit gesenktem Haupt aus ihrer Liaison mit extremistischen Ideologien, müssen sich auf ewig verantworten für alles dumme Zeug, das sie mal gefaselt haben. Alle, es sei denn, sie stehen links. Dort entsteigen sie jedem Desaster unbefleckt wie die Schaumgeborene, fragen kurz „Is’ was?“ und feuern sofort ihr Magazin leer auf jeden, der blöde Fragen stellt. Denn sie allein sind es, die beurteilen und verurteilen, niemand sonst.
Dies ist der Urgrund jener fulminanten Selbstgerechtigkeit, die den Grünen gerade um die Ohren fliegt. Andererseits ist es auch der Quell einer Unbekümmertheit, die staunen lässt. Unterstützt von allerlei Prominenz und Halbprominenz hat 68er-Ikone und Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit einen Aufruf verfasst unter dem Titel „Wir sind Europa! Manifest zur Neugründung Europas von unten.“
Ein aufschlussreicher Text, schon der Titel ist interessant. Von „unten“? Wer die Liste der Erstunterzeichner durchgeht, der trifft auf Theaterregisseure und Philosophen, Sozialwissenschaftler und ein paar Manager oder jede Menge Altpolitiker der oberen Ränge, aber auf niemanden, der von sich und anderen als gewöhnlicher Vertreter des gemeinen Volkes bezeichnet würde.
Zufall? Missgeschick? Nein, auch das ist Tradition seit 1968. Die Revolte wurde von Studenten aus meist gutsituierten Elternhäusern angeführt, die sich fest einbildeten, sie verträten das „Proletariat“. Als sie an der Hamburger Werft „Blohm und Voss“ Flugblätter verteilten, auf denen sie „Arbeiterkontrolle“ forderten, prügelten die Werftarbeiter sie vom Hof. Sie hatten „Arbeiterkontrolle“ so verstanden, dass die Studenten sie, die Arbeiter, kontrollieren wollten.
So, wie damals in den Hörsälen das „Proletariat“ die Macht verlangte, so kommen nun also Daniel Cohn-Bendit und seine durchweg erlauchten Mitstreiter „von unten“. Und wir, die wir wirklich „unten“ in den Niederungen des Durchschnittseuropäers leben müssen, wir haben allen Grund, unseren angemaßten Fürsprechern ebenso zu misstrauen wie die Hamburger Arbeiter Anno 68. In ihrem Manifest fragen sie: „Wozu ist Europa gut?“ und antworten euphorisch: „Europa ist ein Labor politischer und sozialer Ideen, wie es das nirgendwo sonst gibt.“
Labor? Sie machen also ein Experiment. Das wird sicher spannend, nur ist so ein Experiment für die Versuchstiere (für deren Rolle wir vorgesehen sind) höchstens halb so witzig wie für die neugierigen Laboranten.
Seit bald hundert Jahren haben Ideologen, die sich selbst Idealisten oder noch lieber „Visionäre“ nennen, solche Experimente mit Menschen, mit ganzen Völkern unternommen. Die Versuchsergebnisse waren, sagen wir es vorsichtig, einigermaßen unerfreulich. Was die unbekümmerten Gesellschaftslaboranten nicht davon abhält, den nächsten Versuch zu starten. Die Vokabel „gesellschaftliches Experiment“, die jedem Europäer mit historischem Bewusstsein einen kalten Schauer über den Rücken jagt, hat bei ihnen nämlich nichts an ihrem alten, falschen Glanz verloren.
Wer nicht mitmachen will, der ist „rückwärtsgewandt“, schimpfen sie. Da liegen sie gar nicht mal so falsch: Wohin soll der sehnsuchtsvolle Blick von uns Laborkaninchen denn sonst gehen als „zurück“ auf die Tür, durch die wir in diese Folterkammer geschleppt wurden? Daher lassen wir uns gern so beschimpfen. Wir wissen ja, von wem es kommt: Es sind nicht unsere Freunde, auch wenn sie es natürlich wieder bloß gut meinen.

 

 

http://www.preussische-allgemeine.de/nachrichten/artikel/is-was.html

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