Deutschlands neue Juden – und Deutschlands neues Europa

Von Reiner August Dammann

Über Deutschlands Vergangenheit zu sprechen ist schwer – gerade in Deutschland. Das ist hier nicht gerne gesehen. Natürlich handelt man die Vergangenheit offiziell förmlich ab: das fordert die siegreiche Umwelt. Mit ihr will man es sich nicht verscherzen, obwohl die Bilder von Kanzlerin Merkel als neuer Adolf Hitler niemanden wirklich beeindruckt oder zum Nachdenken – geschweige denn zum Innehalten – angeregt haben. Es ist ein neues Deutschland, das sich seit fast einem Vierteljahrhundert in der Mitte Europas erhebt, eine Art BRDDR (wie ich letztens las), mit in der DDR ausgebildetem Führungspersonal in Kanzleramt und Präsidentenpalais.

Foto: Beim Passieren der Warschauer Brücke grüßt einen die H4 World in Anspielung auf die sozialen Verhältnisse im Friedrichshain und auf die O2 World. / Torsten Eckert / flickr.com / CC BY-SA 2.0

Foto: Beim Passieren der Warschauer Brücke grüßt einen die H4 World in Anspielung auf die sozialen Verhältnisse im Friedrichshain und auf die O2 World. / Torsten Eckert / flickr.com / CC BY-SA 2.0

Das Land unterscheidet sich von seine beiden Vorgängern – und scheint die schlimmsten Schattenseiten der jeweiligen Systeme zu einem neuen Schattenreich zu vereinen, das – entgegen den offiziell förmlich gefeierten Ritualen der jüngeren Vergangenheit (“Wahlen” und “Abstimmungen” genannt) – sich täglich weiter von der Demokratie entfernt.

Ein Beispiel? Nehmen wir die aktuelle Entscheidung über Genmais. Laut Umfragen sind 88 % der Deutschen dagegen, die Regierungsparteien hatten dies im Koalitionsvertrag auf der Seite 87 schriftlich fixiert. Doch was macht die Bundeskanzlerin? Sorgt per Stimmenthaltung dafür, dass der Genmais einmarschieren kann.

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. 75% der Bundesbürger sind gegen militärische Einsätze im Ausland – doch was macht die Bundesregierung? Hören wir dazu das Neue Deutschland:

Gauck hatte auf der Münchner Sicherheitskonferenz mehr Einsatz Deutschlands bei der weltweiten Krisenbewältigung gefordert. In sein Plädoyer für eine stärkere Rolle im Rahmen von EU und Nato schloss Gauck militärisches Engagement ein. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte betont, Gleichgültigkeit sei keine Option. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bekräftigte die Bereitschaft Deutschlands zu einer stärkeren Rolle bei der Bewältigung von Krisen weltweit.

Das wäre in der BRD undenkbar gewesen – in der DDR auch.

Aber nicht nur gegenüber dem Ausland gibt es einen schärferen Ton, auch im Inland begegnen friedliche Demonstranten (unter ihnen auch Abgeordnete des Deutschen Bundestages) einer ganz neuen Ansprache, zum Beispiel bei der Bloccupy-Demo im Juni 2013, siehe Frankfurter Rundschau:

Ein Beamter im Polohemd, mit silbernen Sternen auf den blauen Schulterklappen, schreit einen jungen Mann an: „Wissen Sie eigentlich, was die letztes Jahr bei der M31-Demo mit einem meiner Kollegen gemacht haben? Die haben den so zusammengeschlagen, dass er drei Tage im Koma lag!“ Ob der Polizist denn Angst vor ihm habe, will der junge Mann wissen. „Nein, wenn Sie mich angreifen, erschieße ich Sie“, blafft der Beamte. „Eine Kugel zwischen die Augen, und gut is‘.“

Der Hang zum Einsatz tödlicher Gewalt scheint nicht nur die Regierung befallen zu haben … er spiegelt sich auch in den Worten normaler Polizeibeamter wieder.

Kommentar des parlamentarischen Geschäftsführers der CDU im hessischen Landtag dazu (siehe CDU-Hessen):

„Das Sicherheitskonzept der verantwortlichen Behörden zur Gefahrenabwehr bei den sogenannten Blockupy-Demonstrationen ist voll aufgegangen. Die Polizei hat sich weder von als Clowns verkleideten Provokateuren noch von Vertretern der Linkspartei, die die Ordnungkräfte angebrüllt haben, aus der Ruhe bringen lassen”

Es sind ganz feine, neue Töne, die man wahrnehmen sollte, um einen Blick in die Zukunft zu wagen:

„In der Abwägung der Grundrechte auf körperliche Unversehrtheit und Demonstrationsfreiheit wurde ein angemessener Ausgleich gefunden”

Ja – das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit (und Demonstrationsfreiheit) ist nicht mehr absolut, Polizei und Politik entscheiden je nach Fall, ob man nicht auch mal eine Ausnahme machen und ein wenig körperliche Versehrtheit herbeiführen kann … falls man es für angemessen hält. Und das ist keine unter dem Ladentisch gehandelte Verschwörungstheorie, sondern eine öffentliche Stellungnahme eines führenden Politikers in Hessen.

Eine Ausnahme?

Nein – der Einsatz potentiell tödlicher staatlicher Gewalt gegen Bürger ist inzwischen Alltag in Deutschland. Im Jahre 2007 konnte man im Stern noch nachlesen, welche besondere Qualität sich im Umgang mit in Not geratenen Bürgern in Deutschland breit machte:

Das Gesetz, das als Hartz-IV bekannt ist, trägt nicht nur den Namen eines rechtskräftig verurteilen Straftäters, sondern kann auch zum Tode führen. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen, lautet die Quintessenz dieser von der Schröder-Regierung eingeführten sozialpolitischen Umbau-Maßnahme.

Ja – das versteht man im Ausland wohl nicht so gründlich: in Deutschland konnte ein rechtskräftig verurteilter Straftäter eine “Reform” der Arbeitsmarktpolitik durchführen, die Millionen von Deutschen mit dem Tode bedroht. Wundert man sich da wirklich noch darüber, dass die “Regierung” sich permanent über den Willen des Volkes hinwegsetzt … und das Volk schweigt?

Das Volk hat Angst. Todesangst. Jederzeit kann jeder Arbeitgeber entscheiden, mal wieder ein paar tausend Deutsche in die Hände von “Sachbearbeitern” zu geben, die mittels “Sanktionen” bei auch nur vermuteten Widerstand gegen die Zwangseingliederung in den Niedriglohnsektor für Obdachlosigkeit und Hungersnot sorgen können.

Es ist aber nicht nur die Angst vor der Gewalt, die den deutschen Alltag bestimmt – es ist auch alltäglich erlebbares, hässliches Mobbing, das jeden jederzeit treffen kann, weil die Botschaften der “Regierung”, der neue “Zeitgeist”, Wirkung beim Volk zeigt.

Ein paar Beispiele?

Gut.

Moin, hatte gestern ein “tolles” Gespräch mit meiner ältesten Tochter. Die rief mich ganz erbost an, ich würde ihren Status hier und auch außerhalb zerstören. Sie könne sich nirgendwo mehr blicken lassen, weil ich ja H4 Empfängerin sei und zu faul zum arbeiten. Sie war bei uns in der Dorfdisco und wurde wohl darauf angesprochen, man hätte mich beim JC gesehen, tja, dann muss derjenige ja auch im Bezug sein???? Ich solle mal meine Klappe halten wenn ich da besoffen in der Ecke läge. Ich saufe nicht, wovon denn auch?? Ich war sprachlos. Sie hat alle möglichen Vorwürfe runtergerattert so das ich gar nicht zu Wort gekommen bin. Jedenfalls will sie, dass ich wegziehe sobald meine Jüngste mit ihrem Studium beginnt, sie wolle sich nicht weiter für mich schämen. Sehr traurig ist das. Sie habe sich schon nach Wohnungen für mich umgeschaut. Siehste, H4 wirkt.

JC – ist das Jobcenter. Dort gesehen zu werden, kann schnell dazu führen, dass die eigene Tochter fordert, man solle Stadt und Land verlassen. Ein Einzelfall?

Kaum hatten wir diesen Fall im Nachrichtenspiegel veröffentlicht, meldeten sich gleich weitere:

Ja – ich habe auch vier Kinder – und habe das verdammte Glück von Alg2 nahtlos in die Grundsicherung gerutscht worden zu sein… anderes Amt, andere Zuständigkeit, gleicher Ärger.

Mit meinen drei Töchtern… habe ich seit mehr als fünf Jahren schon keinen Kontakt mehr. Schließlich haben sie eine (erwerbs!)unfähige Mutter.

Wir kennen das in Deutschland. Oder sagen wir: wir könnten das kennen, wenn wir uns mehr mit der Vergangenheit beschäftigen würden. Auch das Thema “Erbgesundheit” spielt wieder eine Rolle:

Meine vormalige Ehefrau und unser beider Tochter haben mich wegen H4 vor zwei Jahren verlassen, seit einem Jahr bin ich amtlich geschieden, und habe seither keinen Kontakt mehr zu beiden.

Meine Ex arbeitet als Lohnsklavin für eine Pflegedienst als Putzfrau, und verdient, zumal Hartz-IV-Aufstockerin, so wenig, daß sie vorn und hinten nicht zurecht kommt und ständig unsere Tochter anpumpt, die eine Ausbildung beim Staat macht und als Azubi mehr Geld im Monat hat, als ihre Mutter mit 50 schweren Arbeitsstunden pro Woche…

Meine Ex-Frau wollte es aber so: sie wollte unbedingt wieder arbeiten, weil ihrer Meinung nach (und sie ist bodenlos naiv) nur wer arbeitet, ein anständiger Mensch ist und “dazu gehört”.

Zeitzeugenberichte aus Deutschland im Jahre 2014. Das war vor 75 Jahren ähnlich, als Meldungen über die Behandlung deutscher Juden in US-Zeitungen viel Unglauben erzeugten. Deutschland hat den chinesischen Wanderarbeiter eingeführt, Menschen, die 50 Stunden die Woche arbeiten, um Sozialhilfeniveau zu erreichen.

Natürlich nur “Einzelfälle”. Allerdings – in Deutschland haben wir Millionen davon. Ungezählte Millionen.

In diesem Klima gedeihen natürlich Ungeheuerlichkeiten jeglicher Art, man sieht Verhalten aufblühen, dass man sonst nur aus den letzten Tagen des Absolutismus kannte: während das Volk sich immer weiter einschränken soll, sich gegen beständig steigende Preise und unerläßlich sinkende Kaufkraft zur Wehr setzt, greift die Regierung in die Staatskasse und überschüttet die Abgeordneten mit Bargeld: monatlich 830 Euro mehr werden sie am Ende dieses Jahres haben … mehr als doppelt soviel wie der Regelsatz für erwerbsfähige Arbeitslose insgesamt hergibt. Dabei gehörten die deutschen Abgeordneten schon vor der Erhöhung zum reichsten Prozent der Bevölkerung (siehe: Jan Kluge, Unliebsame Wahrheiten, Redline 2013, Seite 87) … aber das ist wohl nicht genug.

Im Absolutismus geht das aber. Dort versteht das Volk auch, warum es das Maul zu halten hat.

Deutschland hat neue Juden – und neue Machthaber, die jeden jederzeit zu einem “Juden” erklären können: ein Telefonat mit dem Arbeitgeber (der oft genug ein alter Parteikollege ist, siehe die Karrieren von Wolfgang Clement, Roland Koch, Hildegard Müller, Eckhart von Klaeden – um nur in paar zu nennen) – und schon landet man bei der Behörde zur Sonderbehandlung von “Parasiten und Schmarotzern” – wie in Not geratene Bürger gerne genannt werden … so als ob sie selbst ihre Arbeitsplätze zwecks Erhöhung der kurzzeitigen Rendite von Kapitaleignern abbauen würden.

Es gab viel zu holen bei dieser “Reform”, die Mehrkosten von fünf Milliarden Euro verursachte und nach neuesten Studien für die Volkswirtschaft keinerlei Nutzen brachte (siehe Spiegel):

Das deutsche Jobwunder machte die Hartz-Reformen zum Vorbild für die Krisenländer Europas. Eine neue Studie räumt mit diesem Mythos auf: Nicht die Agenda 2010 habe Deutschland zum ökonomischen Superstar gemacht, sondern die Unabhängigkeit der Betriebe und der Gewerkschaften vom Staat.

Diese Studie wird wohl nicht viel Gehör finden, denn Hartz IV ist nicht nur für Deutschland gedacht, sondern für ganz Europa gestrickt.

Über die massenhaften Zwangsenteignungen der deutschen Arbeitslosen – Ausbildungsverträge für die Kinder, Immobilieneigentum, Briefmarkensammlungen – ja selbst Sammlungen von Figuren aus “Überraschungseiern’” fielen dem Gesetz zum Opfer (siehe Ksta) – wird nicht sonderlich Buch geführt, wozu auch?

Sinn der Gesetzgebung war ja nicht nur die Aneignung von Privatvermögen jener Menschen, die der Parteikollege in der Konzernzentrale zum Abschuss freigegeben hatte, Sinn war, ein Instrument zu schaffen, mit dessen Hilfe man eine Demokratie in einen Selbstbedienungsladen für am Rande der Kriminalität agierende Subjekte umbauen konnte, für die Steuerhinterziehung erste Bürgerpflicht ist.

Möglicherweise hat man in Griechenland diese Dimensionen schon erkannt und stellt deshalb die deutsche Bundeskanzlerin als Adolf Schicklgruber dar (ja, “Hitler” war nur ein Künstlername, der in den USA aber besser verstanden werden konnte), weil man sieht, dass eine kleine, als harmlos, alternativlos und dringend notwendig verkaufte Sozialreform auf üble Weise an die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte erinnert.

Und vielleicht sollte auch die Schweiz genauer hinhören, welche Töne in Deutschland wieder gesellschaftsfähig sind (siehe Spiegel):

“Wir können das nicht widerspruchslos hinnehmen”, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, Elmar Brok (CDU), dem “Kölner Stadt-Anzeiger”.

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnte in der ARD, die Abstimmung vom Sonntag werde “eine Menge Schwierigkeiten für die Schweiz verursachen”.

Hintergrund der Drohungen? Eine Volksabstimmung gegen Masseneinwanderung, während der deutsche Bundespräsident in Indien für Masseneinwanderung junger Inder nach Deutschland warb.

Hätte man früher verstanden, dass das neue Deutschland wieder neue Juden hat, dann hätte man sich denken können, welche Schritte den ausländischen Untermenschen drohen, die sich Deutschlands neuem Auftrag in der Welt in den Weg stellen.

Vielleicht hätten die Schweizer Gaucks Rede während der Münchener Sicherheitskonferenz gründlicher studieren sollen, sie enthält mehr Aspekte als nur den Ruf nach mehr deutschen Soldaten im Ausland: siehe Spiegel:

Deutschland ist überdurchschnittlich globalisiert und profitiert deshalb überdurchschnittlich von einer offenen Weltordnung – einer Weltordnung, die Deutschland erlaubt, Interessen mit grundlegenden Werten zu verbinden. Aus all dem leitet sich Deutschlands wichtigstes außenpolitisches Interesse im 21. Jahrhundert ab: dieses Ordnungsgefüge, dieses System zu erhalten und zukunftsfähig zu machen.

Deutschland als Speerspitze einer neuen, globalisierten Weltordnung … die im Inneren schon heute zeigt, wie morgen die Zukunft für alle aussehen soll, eine Zukunft, in der sich Frau und Kinder von einem abwenden, wenn der Staat einen für vogelfrei, für wertlos, zum Parasiten und Schmarotzer erklärt.

Schönes neues Deutschland – schönes neues Europa – schöne neue Welt?

Original und Kommentare unter:

http://www.neopresse.com/gesellschaft/deutschlands-neue-juden-und-deutschlands-neues-europa/

http://brd-schwindel.org/deutschlands-neue-juden-und-deutschlands-neues-europa/

Ein Kommentar zu “Deutschlands neue Juden – und Deutschlands neues Europa

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.