Die guten Deutschen in Kaliningrad

Königsberg-Kaliningrad

von Uwe Niemeier

Im Jahre 1992 brachten die guten Deutschen Kaugummis und Äpfel zu den hungernden Kaliningrader Kindern nach Königsberg. Heute holen die guten Deutschen die Kaliningrader Kinder zu Kaugummi und Äpfeln zu den Königsbergern in Deutschland.

Eine etwas komplizierte Einleitung für einen nicht ganz einfachen Artikel – ich gebe es zu. Aber ich habe keinen anderen Einstieg gefunden, um Dinge zu erklären, die wir mit einer kurzen Mitteilung am 1. August unter dem Titel „Staatsanwalt fordert Entlassung einer Kommunalangestellten“ in unserem Format „Kaliningrader Tageblatt“ eingeleitet hatten.

Das Kaliningrader Informationsportal „Exklaw.ru“ veröffentlichte am 2. August einen Artikel

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Die Autorin Jekaterina Tichomirowa informiert ein wenig umfassender über Dinge, die die Russen wohl etwas anders sehen als die guten Deutschen – insbesondere nach dem Jahre 2013. Es geht wieder mal um eine deutsche NGO, die unter der Bezeichnung

„Hilfe bei der Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen dem Kreis Selenogradsk und dem Kreis Pinneberg „Selenogradsk-Pinneberg““

seit 1996 im Gebiet Kaliningrad existiert.

Seit 1998 ist Frau Jelena Alexandrowa Mitarbeiterin in dieser NGO und seit 2009 sogar die Leiterin. Bis dahin ist das alles in Ordnung, wenn nicht jetzt die Kaliningrader Staatsanwaltschaft festgestellt hätte, dass Jelena auch gleichzeitig hauptberuflich die stellvertretende Leiterin der Budgetabteilung des Kreises Selenogradsk wäre.

Aber auch das ist noch nicht so schlimm, wenn Jelena nicht „vergessen“ hätte, diese nebenberufliche Tätigkeit ihrem Arbeitgeber zu melden. Dazu ist sie aber per Gesetz verpflichtet. Nun hat die Kaliningrader Staatsanwaltschaft, die zufällig im Rahmen routinemäßiger Untersuchungen auf diesen Umstand gestoßen war, die Entlassung dieser Mitarbeiterin gefordert und durchgesetzt.

Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, dass diese NGO durch Gerichtsbeschluss Ende 2015 liquidiert worden ist. Grund hierfür war, dass die NGO zwei Jahre lang keinerlei Abrechnungen und Berichterstattungen an die Steuer- und Statistikbehörden gesandt hatte – wozu sie auch gesetzlich verpflichtet war.

Soweit, so schlecht. Bisher scheint es sich nur um einen schlichten unangenehmen Vorfall von menschlicher Undiszipliniertheit im Rahmen der russischen Arbeitsgesetzgebung zu handeln. Aber die Autorin dieses Exklaw-Artikels hat sich etwas ausführlicher mit der Tätigkeit dieser Organisation beschäftigt. Und da staunt man, was es doch für gute Deutsche gibt, Deutsche, die sich Sorgen machen um die Zukunft der russischen, Kaliningrader (oder Königsberger?) Kinder.

Die Selenogradsker NGO hatte eine Partnerorganisation in Deutschland (Pinneberg). Beide Einrichtungen organisierten gemeinsam Praktika für Kinder – natürlich, das wird kein Deutscher bestreiten – ausschließlich unter humanitären Aspekten.

Der Russe fragt sich allerdings, warum diese Praktika so einseitig waren, warum die guten Deutschen viele russische (Kaliningrader) Kinder zu sich einluden, ihnen alles bezahlten und sie ausbildeten (die Informationsagentur REGNUM gibt die Zahl der geförderten Kinder mit 86 an). Wieviel Geld der deutsche Verband „Selenogradsk e.V.“ investierte, ist nicht bekannt.

Umgekehrt wiederum, schickte die deutsche Seite keine Kinder nach Selenogradsk um den Austausch und die Zusammenarbeit ausgewogen zu halten. Sie, liebe Leser, werden verstehen, dass sich die russische Seite schon die Frage stellt, was die guten Deutschen davon haben, wenn sie landesfremde Kinder fördern, ihre eigenen Kinder aber durch einen anderen Staat nicht fördern lassen wollen.

Vielleicht sollte man aber auch wissen, dass ein Teil der Pinneberger Bevölkerung aus den Erben der ehemaligen Bewohner des heutigen Selenogradsker Kreises besteht. Und eben durch diese Erben wurde die NGO und die deutsche Partnerorganisation gegründet. Das würde vielleicht die Sympathie zu den russischen Kindern aus Selenogradsk erklären.

Aber warum schicken dann diese Familien nicht ihre deutschen Kinder in die alte, jetzt russische Heimat, zu einem einjährigen Studienaufenthalt? In den Gründungsstatuten dieser Organisation steht doch als eines der Ziele: „Allseitiges Zusammenwirken zwischen den Kreisen Pinneberg und Selenogradsk“ – also „ALLseitig“ und nicht „EINseitig“.

Nachdenklich kann man auch werden wenn man liest, dass ein Großteil der gastgebenden deutschen Familien Angehörige der Polizei waren. Zufall? Natürlich Zufall – aber vielleicht auch nicht – man muss den russischen Organen schon zugestehen, dass diese darüber nachdenken. Und die Russen denken auch darüber nach, warum ihre Kinder psychologische Schulungsprogramme in Deutschland durchlaufen – ja warum?

Ein Schwerunkt in der Arbeit der NGO war das „Jahr in Deutschland“. Hierbei handelt es sich um ein Regierungsprogramm der Bundesrepublik. Unter anderem wurden Parlaments-Stipendien vergeben. Diese Stipendien wurden an junge Russen vergeben die bereit waren, sich für den „demokratischen Aufbau der Zukunft in ihrem Lande“ einzusetzen.

Deutschland wollte also die Russen, im Rahmen des, mit 450 Euro monatlich aus deutschen Steuergeldern finanzierten Stipendiums (zuzüglich kostenloses wohnen und sonstige Kostenerstattungen), von den Vorzügen der deutschen Demokratie überzeugen. Mag sein, dass die deutsche Demokratie gut ist (80 Millionen Deutsche leben nicht schlecht mit dieser Demokratie), aber wie würde wohl Deutschland reagieren, wenn Russland deutsche Jugendliche einlädt, ein Jahr lang die russische Demokratie zu studieren.

Da man in Deutschland überzeugt ist, dass die russische Demokratie (wenn sie denn überhaupt existiert) schlecht ist, schickt man auch niemanden aus Pinneberg nach Kaliningrad. Und so muss man sich nicht wundern, wenn Russland auch darüber nachdenkt, ob deutsche Demokratie in Kaliningrad erstrebenswert ist.

Die Teilnehmer an diesem Programm durchlaufen auch ein Praktikum. Dieses Praktikum findet im Bundestag und bei Polizeieinrichtungen statt. Wie das Informationsportal „Exklaw.ru“ erfuhr, durften die Kinder bei der Polizei an Schießübungen teilnehmen, lernten mit Ausrüstungsgegenständen der Polizei zu hantieren, nahmen an topographischen Übungen zur Orientierung in unbekanntem Gelände teil, trainierten sich im körperlichen Zweikampf und trainierten Verhalten in Stresssituationen.

Ehrlich, ich kann das gar nicht glauben, dass dies alles zur deutschen Demokratie gehört, die ein Russe im Alter von 15/16 Jahren lernen muss.

Was den Besuch des Deutschen Bundestages durch Kaliningrader Schulbuben und -mädels betrifft.  Hier wurden Kinder ausgewählt, die nach Meinung der guten Deutschen eine potentielle Perspektive in der Kaliningrader (politischen) Gesellschaft haben. Die Kinder mussten einen Lebenslauf einreichen. Dazu mussten die Kinder eine Motivation schreiben, warum sie sich für die deutsche Demokratie interessieren. Dann durchliefen die Kinder noch einen Test. Wichtig war aber auch, dass diese Kinder die deutsche Sprache kannten und sich umgänglich (kommunikabel) zeigten. Ausgewählt wurden dann bevorzugt Kinder, deren Eltern im russischen Staatsapparat oder in der Armee dienten. Natürlich sind das alles Zufälligkeiten und die guten Deutschen haben keine hintergründigen Gedanken. Aber es muss den Russen schon gestattet sein, dass sie ein wenig misstrauisch werden und es doch genauer wissen wollten.

Und so stellten die „interessierten Organe“ fest, dass ein Großteil der Kinder, die die deutsche Demokratie mit deutschen Geldern in Deutschland studiert haben, heute in russischen staatlichen Einrichtungen im Kaliningrader Gebiet arbeiten. Das ist ja nichts Schlechtes, denn irgendwie muss man ja für seinen Lebensunterhalt sorgen. Es gibt da ein interessantes Beispiel – schon etwas älter zwar, aber immerhin:

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Meine Empfehlung: Klicken Sie auf den Screenshot und lesen diesen Artikel vollständig – sie werden verstehen, dass die Russen sich Sorgen machen.

Förderer dieser jungen Kaliningraderin (und zukünftigen Bürgermeisterin von Königsberg!) war der Bundestagsabgeordnete Franz Thönnes. Ein interessanter Mann – ich konnte mich davon persönlich überzeugen, als ich mich auf Bitten des deutschen Generalkonsuls in Kaliningrad vor einigen Jahren mit ihm zu einem Gedankenaustausch in meinem Kaliningrader Office traf.

Ein weiteres Beispiel ist die Tochter der Ex-Beamtin Elena Alexandrowa. Sie konnte im Jahre 2014 (!) ein Praktikum als Assistentin des Bundestagsabgeordneten Rossman absolvieren. Und natürlich wurde sie für das Praktikum bezahlt. Jetzt konnte die Tochter eine Hochschule in Kaliningrad erfolgreich abschließen und wird sich wohl einen Arbeitsplatz suchen, wo sie sich erfolgreich in die russische (Kaliningrader) Gesellschaft einbringen kann. Man sieht, die guten Deutschen denken richtig – die Ergebnisse belegen es.

Der mir und unseren Lesern bereits bekannte Wladimir Schulgin meint, dass es eine Vielzahl dieser deutschen Förderprogramme gibt. Viele davon werden realisiert über die KANT-Universität, aber auch über andere Kaliningrader Bildungseinrichtungen. Schulgin spricht von einer rechtzeitig einsetzenden „Umprogrammierung der Kaliningrader Jugend“. Und zur deutschen Einflussnahme gehört auch die Förderung von Lehrern und von Führungspersonal in den Bildungseinrichtungen.

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Spätestens seit 2014, wo der Vizekonsul für Kultur des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad Daniel Lissner mit einer antirussischen Hetzrede im Deutsch-Russischen Haus auftrat, widmen russische föderale Strukturen deutschen NGO und anderen deutschen Einrichtungen verstärkte Aufmerksamkeit. Im September 2015 zog sich das „Klaus-Mehnert-Institut“ freiwillig aus Kaliningrad zurück. Im September 2015 wurde der „Jasno-Poljanski Verband der deutsch-russischen Kultur „Trakehnen““, (gegründet Anfang der 90er Jahre) liquidiert und dem Leiter Dimitar Minur die weitere Einreise nach Russland verboten. Im Mai 2016 erhielt das „Hanse-Büro“ (seit 1992 in Kaliningrad aktiv) den Status „Ausländischer Agent“. Und noch sind die Untersuchungen gegen das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad nicht abgeschlossen – wie einige Deutsche wohl schon zu hoffen wagten.

Natürlich wird es wieder Deutsche geben, die das eben Geschilderte für Übertreibung und russische Propaganda halten. Wir (Kaliningrad-Domizil) sind gerne bereit, uns mit „Betroffenen“ zu unterhalten und uns deren Meinung anzuhören – und diese dann auch zu veröffentlichen.

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Deutschland hat es 1990, im Rahmen des Prozesses der Wiedervereinigung, durch kluge Nutzung der Umstände geschafft, dass die Russen Deutschland verlassen haben. Man wollte keine Russen mehr im Lande haben. Man muss es den Russen aber schon zugestehen, dass sie überlegen, ob sie denn unter den heutigen Umständen Deutsche in Russland (Kaliningrad) haben wollen, insbesondere, wenn man von deren Loyalität nicht überzeugt ist. Und wir dürfen nicht vergessen, dass auf Beschluss der NATO wieder deutsche Truppen an der russischen Grenze in Kaliningrad stehen. Und dass der Russe dann sehr schnell über eine Fünfte Kolonne in Kaliningrad spricht, kann man ihm wohl nicht verübeln – meine ich, … mit russischem akzent.

Original und Kommentare unter:

5 Kommentare zu “Die guten Deutschen in Kaliningrad

  1. Pingback: Sex mit Kindern unter 15 galt bisher in der Türkei als Missbrauch, ist jetzt legal. | inge09

  2. verrat ist es schon alleine , königsberg als kaliningrad zu bezeichnen.
    deutsch bleibt der osten und deutsch wird er immer sein……….

  3. Dieser Uwe Niemeier … recht interessante Dinge kommen zu Tage, wenn man etwas tiefer seinen Hintergrund, seine Kontakte und sein Wirken recherchiert.

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