Die ernüchternden Dinge, die Ärzte auf dem Sterbebett sagen

by 

In dem beeindruckenden Essay “How Doctors Die” (dt. Wie Ärzte sterben), der 2011 viral geworden ist, beschrieb ein Arzt, wie seine Kollegen mit dem nahenden Ende umgehen. Sie werden altersmilde. Am Ende ihres Lebens vermeiden sie es, frühere Fehler zu wiederholen – nämlich jene Behandlungsverfahren, die so intensiv und invasiv, so teuer und letztlich zwecklos sind. Mit anderen Worten: Solche Verfahren, die viele Amerikaner so lange über sich ergehen lassen, bis sie ihren letzten Atemzug getan haben.

„Natürlich wollen auch Ärzte nicht sterben. Sie möchten leben. Aber sie wissen genug über die moderne Medizin, um sich ihrer begrenzten Wirksamkeit im Klaren zu sein,“

schrieb Ken Murray damals.

Eine neue Studie enthüllt nun die ernüchternde Wahrheit: Ärzte sterben genauso, wie der Rest von uns.

„Wir haben die Studie mit der Arbeitshypothese begonnen, dass wir bei der Auswertung sehr starke Unterschiede feststellen werden,“ erklärte Stacy Fischer, eine Ärztin, die an der University of Colorado School of Medicine im Bereich der Geriatrie forscht. „Wir fanden allerdings geringe bis gar keine Unterschiede.“

Um die Beantwortung dieser Frage mit harten Fakten untermauern zu können, untersuchte die Studie, die im Fachmagazin Journal of the American Geriatrics Society veröffentlicht wurde, die Fälle von 200.000 Patienten, die Medicare in Anspruch nahmen. Dabei stellte sich heraus, dass die Mehrheit sowohl der Ärzte als auch der „Nicht-Ärzte“ innerhalb der letzten sechs Monate ihres Lebens ins Krankenhaus eingeliefert werden, und dass der kleine statistische Unterschied, der zwischen diesen beiden Gruppen zu erkennen ist, statistisch nicht signifikant ist, nachdem man andere verzerrende Störfaktoren aus der Analyse getilgt hatte. Beide Gruppen wiesen zudem die gleiche Wahrscheinlichkeit auf, innerhalb dieses Zeitraums mindestens ein Mal auf die Intensivstation verlegt zu werden: Bei Ärzten betrug die Wahrscheinlichkeit 34,6 %, bei Nicht-Ärzten 34,4 %. Tatsächlich verbrachten die Ärzte etwas mehr Zeit auf der Intensivstation, fand die Studie heraus. Zwar nicht so viel mehr Zeit, als dass daraus eine klinische Signifikanz abgeleitet werden könnte, aber zumindest ausreichend um anzunehmen, dass Ärzte von medizinischen Verfahren mehr Gebrauch machen.

In einer Hinsicht erging es den Ärzten etwas besser als den Nicht-Ärzten: 46,4 % der Mediziner nahmen während ihrer letzten sechs Monate einen Hospizaufenthalt in Anspruch, bei Nicht-Medizinern lag dieser Wert hingegen nur bei 43,2 %. Zudem war der Aufenthalt im Hospiz bei den Ärzten im Durchschnitt um zweieinhalb Tage länger.

Diese Unterschiede sind jedoch insgesamt gesehen sehr gering und spiegeln grundsätzlich nicht den so allgegenwärtigen Mythos wieder, wonach Ärzte einen angenehmeren Tod haben, als der Rest der Bevölkerung.

“Ärzte sind auch Menschen. Und wenn man sich seinem Ableben entgegensieht, kann das natürlich sehr furchteinflössend sein. Und dann wird man Opfer seiner eigenen professionellen Erfahrung,“ erklärt Daniel Matlock von der University of Colorado School of Medicine.

Das ist bemerkenswert, da es dem Gegenteil dessen entspricht, was die Ärzte ihren eigenen Aussagen zufolge eigentlich vorziehen. In einer Umfrage wurden Mediziner und ihre Patienten danach befragt, welche Behandlungsmethode sie sich aussuchen würden, wenn sie unheilbar krank wären und in absehbarer Zeit sterben müssten. Die Ärzte gaben in dieser Befragung mehrheitlich an, weniger medizinischen Interventionen zuzustimmen, als es bei ihren Patienten der Fall war.

Viele Menschen haben erlebt, wie die moderne Medizin in den letzten Monaten eines sterbenden Patienten die Gesamtsituation eher verschlechtert hat. Beispielsweise hat ein bestimmtes Medikament Nebenwirkungen nach sich gezogen, jedoch keinesfalls das Fortschreiten der Erkrankung in den Griff bekommen. Oder jeder kennt auch Berichte von vollkommen unnötigen Operationen, die darüber hinaus das Ableben des Patienten vielleicht sogar beschleunigt haben. Ärzte jedenfalls kennen solche Fälle zur Genüge.

“Patienten sind in der Regel keine Onkologen, aber sie müssen dennoch wichtige Entscheidungen treffen, ohne genau zu wissen, wie ihre Erkrankung ablaufen wird,” schrieb Craig C. Earle im Fachmagazin Journal of Clinical Oncology. „Wir hingehen haben bereits viele unserer Patienten auf diesem schwierigen Weg in den Tod zur Seite gestanden.“
Aus diesem Grund geben uns eindrückliche Anekdoten von Ärzten, die angenehmer sterben und die ihre letzten Momente friedlich im Kreis ihrer Familie verbringen, so viel Hoffnung: Es gibt anscheinend einen besseren Weg.

Matlock und Fischer denken jedoch, dass ihre erhobenen Daten das Gegenteil zeigen – selbst dann, wenn der Patient selber Arzt ist. Das Gesundheitssystem sei einfach darauf ausgelegt, auch in den letzten Momenten des Patienten aggressive Interventionen zu bevorzugen.

„All diese Umstände, die nahezu nutzlose Massnahmen am Ende des Patientenlebens begünstigen, sind systemisch bedingt,“ sagt Matlock. „Und selbst ein aufgeklärter, gut informierter Patient, der über Risiken und Chancen vollständig im Bilde ist, könnte am Ende einige Schwierigkeiten haben, diese Mechanismen zu stoppen.“

Die Studie weist definitiv einige Probleme auf: So konnten die Unterschiede in der Ausbildung oder beim Einkommen statistisch nicht herausgearbeitet werden. Die meisten verstorbenen Ärzte in dieser Studie waren jedoch weisse Männer.

Die Ergebnisse der Untersuchung könnten jedoch ein grosses Problem, das an der Wurzel des medizinischen Systems zu finden ist, enthüllen. Fischer weist darauf hin, dass das gesamte Gesundheitssystem darauf ausgerichtet ist, Probleme zu lösen, jedoch nicht darauf, es dem Patienten angenehm zu machen. Ein Beispiel: Eine Hüftersatz-Operation, die einen Tag vor dem Ableben eines Patienten durchgeführt wird, ist für das amerikanische Gesundheitssystem überhaupt kein organisatorisches Problem. Die Chirurgen können eine solche OP problemlos planen, und die Krankenversicherung würde diesen Eingriff ohne Zweifel bezahlen. Aber wenn ein Patient weniger komplizierte Massnahmen benötigt – etwa Pflegehilfe, eine Person die dem Patienten beim Essen oder Waschen behilflich ist – dann stellt sich das als ein ungleich grösseres Problem dar.

https://www.europnews.org/2017-04-27-die-ernuechternden-dinge-die-aerzte-auf-dem-sterbebett-sagen-2.html

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: