KEIN FRIEDEN IM HEILIGEN LAND

Ein Film über den Beitrag der Kunst in Zeiten des Krieges

 

Mitten im brausenden Verkehr: Ein Tänzer auf der Kreuzung. Ja, er hat eine Polizeiuniform an und ja, er scheint den Verkehr zu regeln. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Auf der Kreuzung in der palästinensischen Stadt Jenin, der Stadt der Märtyrer, wie die Palästinenser ihre Selbstmordattentäter des asymmetrischen Kampfes gegen Israel nennen, tanzt der Polizist mit seinen großen, eckigen Gesten, seinen eleganten Tanzschritten, den Tanz einer Normalität außerhalb von Krieg und Besetzung. Einem politischen Eiertanz gleicht die Neugründung eines „Cinema (in) Jenin“ im gleichnamigen Dokumentarfilm von Markus Vetter, ein Film, der sich als Beitrag zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern versteht und der einen vorläufigen Punkt unter ein reales Projekt setzt: Die Installation eines Kulturprojektes in einer leidenden Stadt, das mitten im Kampf zwischen Besetzten und Besatzern einen Moment der Besinnung schaffen will.

Besinnung in der Besinnungslosigkeit der Unterdrückung, der israelischen Apartheit gegen eine Bevölkerung, die seit 1967 unter einer widerrechtlichen Besatzung leidet? Das will die Mehrheit der Bevölkerung der Stadt nicht dulden. Was sie will ist Freiheit, nicht Frieden. Das halten sie dem unermüdlichen Marcus Vetter entgegen, dem Deutschen mit dem guten Willen, dem Mann, der mit seinem Film „Das Herz von Jenin“ seinen ersten Beitrag über den Krieg in Palästina geleistet hat, den er so gern in einen Frieden wandeln würde. Mit der fast unglaublichen Geschichte, die von einem palästinensischen Vater erzählt, dessen Sohn von der israelischen Armee erschossen wurde, und der die Organe seines Kindes kranken israelischen Kindern schenkte, begann Vetters Obsession: Das seit Jahrzehnten geschlossene Kino von Jenin zum Leben zu erwecken, um der Stadt eine kleine, kulturelle Atempause inmitten des Nicht-Friedens zu verschaffen.

Vetter hat Ismael Khatib, den Vater des ermordeten Kindes auf seiner Seite und er schafft es internationale Gelder zur Sanierung des Kinos aufzutreiben, mehr als hundert ehrenamtliche Helfern aus aller Welt zu begeistern und in Jenin ein Boardinghouse für die vielen, die wie er guten Willens sind, aus dem Boden zu stampfen. Aber er hat auch mit Widrigkeiten aller Art zu kämpfen: Mit den Besitzern des Kinos, die sich seit Jahrzehnten nicht um ihren Besitz gekümmert haben, jetzt aber Geld wittern. Mit den Palästinenser-Behörden, deren Mühlen ausgesprochen langsam mahlen. Und mit den Leuten aus Jenin, die keine Normalisierung wollen, für die Normalisierung eine “Kolonisierung des Verstandes” ist, die sie als Preisgabe der Freiheit begreifen und des großen Ziels eines palästinensischen Staates zugunsten der Anpassung an das Besatzungsregime. Doch Vetter ist zäh und findet Verbündete, mit denen er die Bilder seines Films gestaltet. Der vielleicht größte unter ihnen ist ein kleiner Mann, ein palästinensischer Elektriker, dessen Großvater schon Elektriker war und der immer einen Weg findet den Strom des Kinos fliessen zu lassen.

Das Kino wird eröffnet werden und wir werden einen Marcus Vetter sehen können, der glücklich und zugleich verzweifelt ist: Glücklich, weil es ihm gelungen ist das Kino in Jenin zu reanimieren, und verzweifelt, weil einer der Diskutierenden der Eröffnungsveranstaltung unmissverständlich sagt, er lege seine Waffe auch im Kino nicht ab, er sei ein Kämpfer und wolle lieber sterben, als sich von den Israelis in die Knie zwingen zu lassen. Die Kunst hat in Zeiten des Kriegs einen schweren Stand. Wem dient sie? Den Kämpfern in der Atempause? Dem Frieden, der nicht in Kinos verhandelt wird? Oder doch nur jenen die, wie Frank-Walter Steinmeier, ehemaliger deutscher Außenminister und Unterstützer des Vetter-Projektes, in seiner Laudatio wie nebenbei „radikale fundamentalistische Kräfte“ der Palästinenser denunziert ohne ein Wort über die radikale Gewalt israelischer Besatzung zu verlieren. Der Produzent des Films, Uwe Dierks, zitiert Leonard Bernstein mit einem gewichtigen Satz: „Solange wir im Heiligen Land keinen Frieden haben, werden wir keinen Frieden auf der Welt haben.“ Nicht weit entfernt von einem möglichen Krieg Israels gegen den Iran muss der Satz um das Wort „gerecht“ ergänzt werden. Es muss einen gerechten Frieden geben oder es gibt keinen. Dazu will „Cinema Jenin“ einen Beitrag leisten.

Kinostart: 28. Juni 2012

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