Hamburg – Monitore tauchen den fensterlosen Raum in blaues Licht. Wie Tom Cruise im Hollywood-Streifen „Minority Report“ bewegen sich die Informatiker vor einer wandbreiten Karte.
Im Ernstfall würden Einsatzleiter jetzt in äußerster Anspannung Anweisungen erteilen. Mit schnellen Gesten vergrößern sie Ausschnitte auf dem Stadtplan; sie bewegen Katastrophenschutztruppen zu fiktiven Notfällen oder malen Fluchtwege auf. Ein Fingerschnippen blendet Live-Bilder von der Lage vor Ort ein, gesendet von Minihubschraubern, die draußen durch die Luft knattern. Ferngesteuerte Roboter übertragen Nahaufnahmen – im Testlauf zeigen sie zwar nur Gänseblümchen und Löwenzahn von der Wiese vor der Tür, im echten Einsatz jedoch sollen sie wertvolle Informationen darüber liefern, wo gerade Verletzte Hilfe brauchen oder wo ein Damm zu brechen droht.
Im „Smart Control Room“ führt das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung vor, wie in Zukunft effiziente Katastrophenhilfe aussehen kann. Die Karlsruher Forscher kooperieren dabei mit diversen Großunternehmen, die ihre Fabriken vor den Folgen extremer Wetterereignisse schützen wollen – solche wie die Flut in Thailand, die im Industriegebiet um Bangkok Schäden in Höhe von 40 Milliarden Dollar anrichtete.
Naturkatastrophen häufen sich. Die Menschheit fügt sich ins Unvermeidbare – und passt sich dem Klimawandel an. So seltsam es auf den ersten Blick erscheinen mag: Das Leben im Treibhaus verspricht für die nächsten Jahrzehnte auch satte Geschäfte.
Seriöse Zweifel daran, dass die Veränderungen in der Atmosphäre begonnen haben, bestehen kaum mehr: Tödlicher Wassermangel einerseits und zerstörerischer Starkregen andernorts, brutale Hitzewellen und schadenträchtige Gewitterstürme nehmen seit Jahrzehnten zu.
Eine Entwicklung, die sich nicht mehr stoppen lässt. Selbst wenn sich überraschenderweise die Staaten bei der UN-Nachhaltigkeitskonferenz in Rio im Juni auf verbindliche Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen einigen sollten, lässt sich die Erderwärmung bestenfalls noch abbremsen. „Das träge Klimasystem hat sich in Bewegung gesetzt“, konstatiert Peter Höppe, Leiter der Geo-Risikoforschung der Munich Re
, die global Schäden aus Naturkatastrophen und die Risiken des Treibhauseffektes erfasst: „Nun müssen die Menschen mit den Folgen leben.“
Extremwetterlagen und steigende Temperaturen werden zum Normalfall. Doch mit den richtigen Technologien ist Linderung möglich. Allerdings müssen dafür gigantische Summen investiert werden. Der Klimaökonom Nicholas Stern schätzt allein die Kosten für die Aufrüstung der Infrastruktur in den OECD-Staaten auf bis zu 150 Milliarden Dollar jährlich.
Den Markt für eine nachhaltige Wasserversorgung berechnet Torsten Henzelmann, auf CleanTech spezialisierter Partner der Strategieberatung Roland Berger, auf 450 Milliarden Euro pro Jahr. „Die Überlebensstrategien für den Klimawandel bieten deutschen Unternehmen exzellente Geschäftsaussichten, da sie in Umwelttechnologien weltweit führend sind“, prophezeit der Consultant der heimischen Industrie ein neues Megageschäft.
Innovative Unternehmen profitieren bereits von den neuen Märkten. Konzerne wie Bayer
, BASF
, Bilfinger Berger
, Hochtief
, Siemens
oder Claas entwickeln Technologien für die Adaption an den Klimawandel. Dabei konzentrieren sie sich auf vier große Bereiche, in denen sich die Veränderungen durch die Erderwärmung am stärksten auswirken:
- Sparsame Wasserwirtschaft: In vielen Gegenden – selbst im deutschen Brandenburg – steht das lebensnotwendige Nass viel weniger oder nur unregelmäßig zur Verfügung.
- Produktivere Landwirtschaft: Durch Dürren, Erosion und Überflutungen geht die für Lebensmittelproduktion verfügbare Fläche global zurück.
- Verbesserter Katastrophenschutz: Extremwetterereignisse richteten voriges Jahr weltweit Schäden in Höhe von mindestens 340 Milliarden Dollar an.
- Erträgliche Lebensbedingungen: Drückende Wärme und dicke Luft verschlechtern die Lebensqualität.
Für all diese Problemfelder bieten deutsche Hersteller bereits Lösungen an. In den Labors werden neuartige Technologien entwickelt. Damit zählen sie zu einer wachsenden Gruppe von Vorreitern.
Derzeit geht es beim Stichwort Klimawandel fast nur um das Einsparen von fossilen Brennstoffen und das Vermeiden von Emissionen. Noch gilt das Geschäft mit dem Klimawandel als politisch unkorrekt. Diese einseitige Sichtweise will die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) ändern. „Die Anpassung an den Klimawandel betrifft alle Gesellschaftsbereiche“, sagt Präsident Reinhard Hüttl: „Deshalb ermitteln wir jetzt, welche wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Aufgaben sich aus der Adaption für die deutsche Industrie ergeben.“
Etwa durch Überschwemmungen. Sie nehmen durch verstärkte Regenfälle und den Anstieg der Meeresspiegel enorm zu. Ein riesiges Gefahrenpotenzial – zumal die meisten Großstädte der Welt in Küstennähe liegen.
Um die Metropolen zu sichern, entstehen weltweit neue Sperrwerke. Hochtief baute in Hamburg Hochwasserschutz mit modernster Bohrtechnik, die bestehende Gebäude und Anlagen in der Umgebung nicht beschädigt. Vor St. Petersburg schüttete der Baukonzern einen 2,3 Kilometer langen Damm auf, samt Tunnel und Rampen für den Autoverkehr. In Südafrika errichteten die Fachleute aus Essen kilometerlange Wellenbrecher.
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