Frankreich pleite?

In der Eurokrise beschäftigt viele Menschen eine Frage: Who´s next? Nachdem die PIGS umgekippt sind und Italien wackelt könnte der nächste große Dominostein Frankreich sein. Dann allerdings ist der Euro endgültig Geschichte.

 

von Roland Klaus

 

In der Eurokrise beschäftigt viele Menschen eine Frage: Who´s next? Welches Land könnte als nächstes dran sein mit einem Hilfsantrag an den ESM, einem Schuldenschnitt oder sogar – wie in Zypern – einer Verstaatlichung von Sparergeldern. Der Ökonom Thomas Mayer, ehemals Chefvolkswirt der Deutschen Bank, zeigt in seinem gerade erschienen Buch „Europas unvollendete Währung“ einen interessanten Weg auf, um die Verwundbarkeit der Eurostaaten zu bestimmen.

 

Er nennt dabei vier Faktoren, anhand derer sich ermitteln lässt, wie anfällig ein Land für eine Finanzkrise ist: Erstens die Abhängigkeit von ausländischem Kapital zur Finanzierung heimischer privater Investitionen und Staatsdefizite (gemessen am Leistungsbilanzüberschuss oder -defizit), zweitens das strukturelle Haushaltsdefizit, drittens die Verschuldung des Staates und viertens der Größe des Finanzsektors. Anhand dieser drei Punkte erstellt Mayer eine Rangliste. Auf den ersten Blick wirkt die Berechnung arg simpel. Denn Mayer macht nichts anderes, als die Position eines Landes innerhalb der 17 Euro-Staaten bei den vier Kriterien zu addieren. Beispiel: Deutschland hat den zweitgrößten Leistungsbilanzüberschuss, liegt bei den Staatsschulden auf Rang neun, beim Haushaltsdefizit auf Platz eins und beim relativen Gewicht des Finanzsektors auf sieben. Also 2+9+1+7 macht 19 Punkte und damit das zweitniedrigste Ergebnis nach Estland mit 16 Punkten.

 

Schaut man sich diese Tabelle näher an, dann spricht einiges dafür, dass die ausgewählten Kriterien tatsächlich eine hohe Relevanz aufweisen. Denn fünf der sechs ersten Länder in dieser Rangliste mussten bereits unter die EU-Rettungsschirme schlüpfen – entweder mit einem Hilferuf für die Staatsfinanzen wie Zypern, Irland, Griechenland und Portugal. Oder mit einem entsprechenden Antrag für den Bankensektor wie Spanien. Welches Land könnte also das nächste sein? Folgt man Mayers Analyse, dann lautet die Antwort ganz klar: Frankreich.

 

Unser westlicher Nachbar belegt in der Rangliste Platz vier und liegt damit gleichauf mit Spanien und sogar noch vor Griechenland. Laut dieser Rangliste könnte es also an der Seine demnächst hoch hergehen. Diese Einschätzung deckt sich mit der Meinung vieler Finanzexperten, die Frankreich als verwundbar bezeichnen. Zudem habe die Politik von Präsident Hollande nicht dazu beigetragen, die Lage zu verbessern. Ganz im Gegenteil: Maßnahmen wie die neue Millionärssteuer verscheucht Unternehmer aus dem Land, die Schaffung neuer Arbeitsplätze wird damit nicht gerade gefördert. Und auch die Herabsetzung des Rentenalters, das Hollande als eine seiner ersten Amtshandlungen vorgenommen hat, weist angesichts der schwierigen demografischen Verhältnisse in die falsche Richtung. Dazu kommt ein verkrusteter Arbeitsmarkt mit starken Gewerkschaften, die erst dann zu Zugeständnissen bereit sind, wenn es in einem Unternehmen oder einer Branche lichterloh brennt – siehe die Beispiele aus der französischen Automobilindustrie.

 

Schaut man allerdings auf die Zinsen der französischen Staatsanleihen, so ist von einer Zuspitzung der Lage in Frankreich bislang nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: In den vergangenen Tagen ist die Rendite der zehnjährigen Papiere mit 1,7 Prozent auf ein Rekordtief gefallen. Sie liegen damit nur rund 50 Basispunkte über den Bundesanleihen. Irgendwas stimmt da also nicht. Entweder zeigen die Anleger eine fahrlässige Sorglosigkeit, die sich böse rächen wird. Oder das ganze Geschrei über Frankreich als nächstes Krisenland ist übertrieben.

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System-Tod

Volkswirt Thomas Mayer: „Geldsystem wird diese Krise mit Wahrscheinlichkeit von über 50 Prozent nicht überleben“. Gold gewinne laut Mayer aufgrund der „enormen Unsicherheit“ wieder „den Charakter als Währung“. Aufgrund der Krise drohe Sparern jetzt die Enteignung durch finanzielle Repression.

 

Der ehemalige Chefvolkswirt und Berater der Deutschen Bank, Thomas Mayer, sieht das gegenwärtige Papiergeldsystem vor dem Scheitern: „Es ist überhaupt nicht gesagt, dass unser Geldsystem diese Krise überlebt. Die Chancen sind größer als 50 Prozent, dass wir zu einer Art materiell gedecktem System kommen. Ich kann mir vorstellen, dass wir das Papiergeld-Währungssystem Ende dieses Jahrzehnts umbauen werden“, sagte er der WirtschaftsWoche.
Gold gewinne laut Mayer aufgrund der „enormen Unsicherheit“ wieder „den Charakter als Währung“. Mayer: „Ein Anleger, der sich ein Stück unabhängiger vom Euro machen will, sollte Gold als Währung sehen.“ Dennoch geht der 58-Jährige nicht unbedingt von einem neuen Goldstandard aus. Mayer: „Es könnte auch eine Anbindung an Rohstoffkörbe sein.“
Aufgrund der Krise drohe Sparern jetzt die Enteignung durch finanzielle Repression. „Die Zentralbanken legen den Zins einfach flach, wie ein Surfbrett im Wasser. Wir haben heute eine Zentralbank-Geldwirtschaft. Die Märkte sind nicht mehr frei, die Zentralbanken werden dafür sorgen, dass der Realzins negativ bleibt“, warnt der Volkswirt.
Überschuldete Staaten und Banken versuchten so, sich über die Zeit zu sanieren. „Wir erleben eine gigantische Ausweitung der Geldmenge, bei der kein Ende abzusehen ist. Es gibt keine Anzeichen, dass die Zentralbanken Geldverknappung zulassen. Höhere Inflation wird kommen.“ Als Indiz führt Mayer die steigenden Preise von Vermögenswerten wie Gold oder Immobilien an: „Solche Preissteigerungen sind die Vorläufer der Konsumentenpreis-Inflation.“